Ball spielen mit dem Hund

Wann Ball spielen mit dem Hund doof ist

Man will seinem Hund was Gutes tun, ihm ausgelassenen Spaß gönnen und ihn auslasten auch gleich. Also packt man ein Wurfgeschoss ein und macht sich auf Richtung Wiese, zum Ball spielen mit dem Hund. Wann das eine richtig doofe Idee ist – und warum – erfahrt ihr hier.

Vielleicht kennt ihr die Mär vom Balljunkie oder habt selbst einen daheim. Ein Hund, der alles für sein Balli tut, das man gar nicht oft genug werfen kann. Jeden Tag, mindestens eine halbe Stunde lang – und selbst dann will er noch! Das macht ihm Spaß! Der bettelt richtig drum!

Ball spielen mit dem Hund macht Spaß

Zuerst einmal sei noch erwähnt, dass im Hundetraining keine pauschalen Aussagen getroffen werden sollten. Was für ein Mensch-Hund-Team passt, kann beim nächsten vollkommen nach hinten los gehen. Während nichts dagegen spricht, seinem Hund gelegentlich mal ein Stöckchen, ein Spieli oder eben den Ball zu werfen, wenn diese Aktivität beiden Spaß macht, so gibt es doch einige Fälle, in denen andere gemeinsame Beschäftigung vorzuziehen wäre.

Und das Werfen ist auch, worum es in diesem Artikel geht. Ball spielen mit dem Hund, das scheint wie eine tolle Möglichkeit, ihn laufen zu lassen und so richtig auszupowern. Was wir tatsächlich dabei tun, ist den sozialen Sichtjäger Hund darin zu schulen, rasch von ihm wegbewegenden Objekten hinterher zu hetzen – und dafür loben wir ihn oft auch noch so richtig dolle.

Was beim Ball spielen mit dem Hund passiert

Um zu veranschaulichen, was mit dem Hund sowohl auf körperlicher als auch auf der Trainings-Ebene passiert, habe ich folgende Grafik erstellt.

wie beim Ball spielen ein ungesunder Hormon-Cocktail entsteht

Wie beim Ball spielen mit dem Hund ein potentiell ungesunder Hormon-Cocktail entsteht

Wenn man oft genug den Ball für seinen Hund wirft, verknüpft dieser das folgende, aufregende Hetzen mit dem Ball selbst – und wird so schnell „freudig“ aufgeregt, sobald ihr zum Wurfobjekt greift. Mit etlichen Wiederholungen wird dann schon beim Auspacken des Balls das Stresshormon Adrenalin ausgeschüttet. Nun muss Stress ja nicht zwingend etwas Schlechtes sein – dass euer Hund durch’s Ball spielen glücklich wird, sieht man ihm ja immerhin an den Augen an. Das liegt daran, dass beim Hinterherjagen des Balls nochmals Adrenalin, aber auch berauschende Endorphine ausgeschüttet werden. Wenn euer Hund dabei größere Distanzen zurücklegt, kann es allein durchs Laufen auch zur Ausschüttung des Glücks-Hormons Serotonin kommen. Und dann ist da noch die Dopamin-Ausschüttung, kurz bevor euer Hund den Ball erfolgreich fängt.

Das Problem mit Balljunkies

Beim Ball Spielen kommt es zur Adrenalin-Ausschüttung.

Beim Ball Spielen kommt es zur Adrenalin-Ausschüttung.

Nun mag einem dieser Hormon-Cocktail durchaus positiv erscheinen, allerdings bewirkt er, dass der Hund rein physiologisch gesehen fast gar nicht anders „kann“, als wieder und wieder dem Wurfobjekt nachzulaufen. Die Endorphin-Ausschüttung führt zudem dazu, dass er seine müden Muskeln und etwaige Gelenksschmerzen gar nicht so bemerkt. Er wird wirklich und tatsächlich zu einem Balljunkie, während sich seine Kondition durch regelmäßigeres und längeres Werfen steigert.

Die verlängerte, extreme und unnatürlich häufige Adrenalin-Ausschüttung (in freier Wildbahn kommt es tatsächlich recht selten zur erfolgreichen Hetzjagd, die meiste Zeit beansprucht das anstrengende Aufspüren und Verfolgen von Fährten) kann langfristig gesehen sehr schädlich für verschiedene Organe wie beispielsweise die Nebenniere und das Herz werden. Einen netten Vergleich dazu liefert übrigens diese spannende Studie zu Eustress und Adrenalinausschüttung bei Fußballfans: Klick.

Wenn euer Hund Probleme damit hat, sich zu beruhigen und signifikant weniger schläft als empfohlen, ist es vielleicht an der Zeit, die Häufigkeit oder Dauer vom Ball spielen mit dem Hund zu überdenken.

Wann ist’s genug geworfen?

Ein anonymer Balljunkie aus dem Internet

Ein anonymer Balljunkie aus dem Internet

Genug geworfen ist spätestens, wenn die Augen eures Hundes röter und/oder glasiger werden, sich in der Zunge beim Hecheln eine Löffelchen-Form bildet und wenn der Enthusiasmus beim Bringen abnimmt. Achtet auch auf seine Atemfrequenz, also wie stark euer Hund hechelt. Generell würde ich – abgesehen von den Ausnahmen, die ich gleich aufliste – dazu raten, den Ball oder das Stöckchen nicht öfter als 3-5 Mal über den Tag verteilt zu werfen und anschließend eher ruhige Aktivitäten wie gemeinsames Objekte oder Leckerchen suchen zu machen, damit euer Hund auch wieder gut runterfahren kann.

Das Ball spielen mit dem Hund besser lassen

  • Argwöhnischer Blick - er will sein Balli nicht teilen.

    Argwöhnischer Blick – er will sein Balli nicht teilen.

    Bei Ressourcenverteidigung
    Wenn euer Hund dazu neigt, Ressourcen wie Futter, Kauknochen und/oder Spielzeug zu verteidigen, kann das vor allem in Hundezonen problematisch werden, wenn andere Hunde oder Menschen dazu kommen. Mehr dazu könnt ihr hier nachlesen: Klick.

  • Bei großer Hitze
    Der Kreislauf des Hundes wird hier ohnehin schon beansprucht. Lieber ausgedehnte Spaziergänge in den frühen Morgen- oder späten Abendstunden machen.
  • Auf hartem Untergrund
    Beton oder andere sehr harte Untergründe sind nicht für Wurfspiele geeignet, weil sie die Hundegelenke zu sehr beanspruchen.
  • Mit sehr jungen Hunden
    Einem so jungem Organismus tut der oben erwähnte Hormon-Cocktail nicht gut. Außerdem wollt ihr später vielleicht nicht, dass er auch Vögel, Radfahrer oder Jogger jagt. Davon abgesehen sind die abrupten Stopps nicht unbedingt vorteilhaft für den sich entwickelnden Bewegungsapparat des Junghundes.
  • Bei Erkrankungen des Bewegungsapparats/Herzens
    Die schnellen Starts und abrupten Stopps sind alles andere als gut für Hüfte und andere Gelenke. Wer Geld in Operationen, Schmerzmittel und/oder Physiotherapie investiert, sollte die Sinnhaftigkeit vom Ball spielen mit dem Hund jedenfalls überdenken. Aufgrund der extremen Stresshormon-Ausschüttung und des kraftvollen Laufens kann das Ball spielen mit dem Hund auch für das Herz schädlich sein.
  • Bei Hyperaktivität/Stressproblematik
    Gerade bei hyperaktiven Hunden und solchen, die ein bestehendes Problem mit der Stressregulierung haben, kann der regelmäßige Ballspiel-Hormon-Cocktail Verhaltensprobleme begünstigen. Mit zunehmendem Stresshaushalt sinken in der Regel sowohl Impulskontrolle als auch Frustrationstoleranz.
  • Bei Reaktivität
    Als reaktive Hunde bezeichnet man solche, die schnell und oft auch emotional auf Reize reagieren. Hunde, die schnappen, nach vorne springen, Probleme mit Impulskontrolle und Frustrationstoleranz haben. Reaktivität inkludiert immer eine Stresskomponente – umso wichtiger ist es hier deshalb, die Ausschüttung von Stresshormonen soweit möglich von außen nach unten zu regulieren. Zum Beispiel,  indem man sie nicht durch Ball spielen mit dem Hund begünstigt.
  • Bei unerwünschtem Jagdverhalten
    Dieser Punkt sollte nach obigen Erklärungen logisch sein. Wenn nicht, scrollt bitte wieder hoch zur Grafik oder fragt in den Kommentaren nach. Ulli Reichmann geht in ihrem Buch „Wege zur Freundschaft“, das sich mit jagenden Hunden befasst und ich hier für euch rezensiert habe, ab Seite 103 ausführlicher auf die Problematik des Ballspielens und was es uns über die Vorlieben unserer Hunde verrät, ein.
  • Lieber Ball suchen als werfen!

    Lieber Ball suchen als werfen!

    Als Hund-Kind-Spiel
    Inzwischen haben wir besprochen, dass das Ball werfen die Impulskontrolle und Frustrationstoleranz des Hundes senken sowie gleichzeitig seine Reaktivität erhöhen kann. Eine amerikanische Studie zeigt, dass Kinder in 73 Prozent der Fälle von ihnen bekannten Hunden, in den meisten Fällen beim gemeinsamen Spielen oder beim Vorübergehen, passieren (Analysis of Dog Bites in Children. In: Pediatrics 2006, 117: S. 374-379). Die logische Schlussfolgerung daraus ist, dass Kinder aus Sicherheitsgründen das Ball spielen mit dem Hund besser lassen sollten. Keine Sorge, es gibt durchaus Alternativen.

Aber was tun statt werfen?

  • Auch ohne Werfen ist der Ball toll!

    Auch ohne Werfen ist der Ball toll!

    Ungefährliches Objektspiel
    Der Hund kann sich durchaus allein mit dem Ball vergnügen. Wenn er ihn durch die Gegend rollt oder darauf herum kaut, ist das abgesehen von der Verschluckungsgefahr (von Ball-Teilen oder kleineren Bällen) vollkommen unbedenklich. Einzig bei Tennisbällen solltet ihr aufpassen, da diese schädlich für die Hundezähne sind.

  • Objektsuche
    Den Ball verstecken und den Hund dann suchen lassen. Nasenarbeit ist wesentlich anspruchsvoller, deshalb sucht der Hund seine Beuteobjekte auch zuerst mit den Augen, weil es für den Körper „kostengünstiger“ ist. Das Riechhirn hingegen macht ca. 10 Prozent des Hundehirns aus und wir wissen ja, wie stark andere Sinne ausgeblendet werden, wenn die Hundenase erst mal eingeschaltet ist. Da das Gehirn in etwa 25 Prozent des Energiebedarfs des Körpers verbraucht, kann der Hund durchaus auch durch Nasenarbeit effizient ausgelastet werden. Dieses Spiel könnt ihr auch auf verschiedene Arten spielen, zum Beispiel Anzeige (beim Ball verharren) und Apportieren (Zurück bringen).
    Achtung, das Suchen muss dem Hund natürlich langsam beigebracht werden – vor allem, wenn er sich davor eigentlich immer nur auf seine Augen verlassen musste!
  • Verlorensuche
    Eine anspruchsvollere Variante der Objektsuche – ihr verliert den Ball (oder etwas anderes) einfach unbemerkt am Spaziergang und schickt den Hund dann suchen. Auch das will natürlich erst gelernt werden.

Ball spielen mit dem Hund ist zwar nur in wenigen Fällen lebensgefährlich, aber dennoch eine gemeinsame Aktivität, der ihr euch reflektiert und in Maßen widmen solltet. Wie gesagt, ein gelegentliches Ball oder Stöckchen Werfen ist voll in Ordnung, wenn es euch beiden Spaß macht. Ihr müsst den Ball auch nicht ganz aus eurer Spielzeugkiste verbannen, denn es gibt ja etliche nette alternative Spiele damit.

Ins Wasser werfen ist besser für die Gelenke!

Ins Wasser werfen ist besser für die Gelenke!

Unbedenklicher ist es übrigens, im Sommer den Ball ins Wasser zu werfen – Schwimmen ist anspruchsvoller und die Stopps nicht so abrupt. Viel Spaß beim Abkühlen!