Die fünf hartnäckigsten Mythen über den Hundeflüsterer

Wann auch immer der amerikanische Hundeflüsterer im deutschsprachigen Raum einen seiner umstrittenen Auftritte ankündigt, brechen heftige Diskussionen vom Zaun. Das angegriffene Idol wird verteidigt, koste es was es wolle. Legitimiert wird die mangelnde Expertise des Showstars meist mit einem der folgenden fünf Argumente, die sich allesamt hartnäckig halten. Wir räumen damit auf und liefern Fakten.

5. Der Hundeflüsterer rettet Hunde vor dem Tod.

Anstatt Hunde vor dem Tod zu retten, riskiert der amerikanische Autodidakt anerkannten internationalen Experten wie Jim Crosby zufolge sogar ihr Leben, wenn er Konfrontationsmethoden einsetzt. Die Gesetzeslage in den Vereinigten Staaten gestattet nicht nur das Einschläfern von gesunden Tieren, in manchen Bundesstaaten müssen Hunde nach einem Beschädigungsbiss sogar eingeschläfert werden. Will nun also ein fachkundiger Trainer einen solchen Hund „retten“, so tut er dies für gewöhnlich in Schutzkleidung und – Handschuhen, damit eben ein zur unmittelbaren Euthanasie des Tieres führender Biss von vornherein vermieden wird. Schutzkleidung und eine analytische Herangehensweise sind allerdings meist nicht spektakulär genug fürs Affekt-Fernsehen.

Risiko statt letzter Hoffnung

Verteidigung als letzte Strategie gegen den Hundeflüsterer?

Verteidigung als letzte Strategie gegen den Hundeflüsterer?

Umso verwerflicher ist es allerdings, einen Hund vor laufender Kamera unter Ignoranz bzw. sogar Fehlinterpretation sämtlicher körpersprachlicher Signale des Tieres so zu bedrängen, dass dieses letztendlich keinen anderen Weg mehr sieht, als zu beißen. Wo sich ein bedrohter Mensch mit den Armen wehrt, bleibt dem Hund für gewöhnlich nur sein bezahntes Maul – dessen Einsatz ihn dann sein Leben kosten kann. Dies passierte beispielsweise im Fall der Hündin Holly, die das berühmte Fernsehidol nach dem Biss vor laufender Kamera in seinem Zentrum aufnahm, um sie vor dem Tod zu „bewahren“. Dass dieser ihr nur aufgrund seiner Fahrlässigkeit gewiss war, wurde elegant verschwiegen. Außer dem Videobeispiel zum Fall Holly gibt es für den interessierten Leser auch noch eine Analyse von Jim Crosby, die hier ins deutsche übersetzt wurde: Klick.

Bekannte TrainerInnen erfüllen immer auch eine Art Vorbildfunktion. Der umstrittene amerikanische TV-Hundetrainer hat gewiss ein großes Bewusstsein für problematisches Hundeverhalten geschaffen und vielen HundehalterInnen leicht verständliche Tipps vermittelt wie dass Hunde Regeln, Auslastung und Zuneigung brauchen. Sein Einsatz von Konfrontationsmethoden und die damit einhergehende Aktivierung von Verteidigungsmechanismen hingegen riskieren vielmehr das Leben von Hunden – insbesondere in Ländern, wo auch gesunde Tiere einfach euthanasiert werden können.

4. Der Hundeflüsterer verwendet Strom- und Stachelhalsbänder ja nur, wenn die schon drauf sind. 

Dass Strom- und Stachelhalsbänder hierzulande verboten sind, ist allgemein bekannt. Dass diese gelegentlich in der Serie des berühmten zum Einsatz kommen, wird von ihm selbst wenn überhaupt damit erklärt, dass diese schon auf den Hunden wären. Das ist so allerdings nicht ganz richtig, bot der famose Strahlemann doch jahrelang auf seiner Website einen Workshop an, indem auch der Einsatz von Stromhalsbändern zweimal an der Tagesordnung stand.
Auch Würgeschlaufen kommen oft zum Einsatz, obwohl die Hunde Halsbänder tragen. Nur ein solches Beispiel ist die Folge „Rock’n’Roll Bulldog“, die ich im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit analysierte. Warum dies nötig ist? Die Schlaufen ziehen sich bei der kleinsten Bewegung eng um den Hals des Hundes und würgen ihn somit auf lebensgefährliche Weise.  Hat der Hund nie gelernt, dass beim Leinenziehen das logische physikalische Prinzip von „Druck erzeugt Gegendruck“ nicht funktioniert, um dem Zug zu entgehen, lernt er es spätestens, wenn ihm die Luft ein paar Mal abgeschnürt wurde. Somit lassen sich dann nach einiger Zeit natürlich auch schwierige Hunde scheinbar leicht vom Hundeflüsterer führen, so fern ihnen ihr Atem lieb ist. Während nach hiesigem Tierschutzgesetz solche Leinen über einen Stopp verfügen müssen, der das Würgen verhindert, bietet der umstrittene Fernsehstar in seinem Shop Leinen an, die durch einen Stopp auf der „falschen“ Seite sicherstellen, dass sie ja nicht zu locker sind. Auch im Video unten trägt der Hund ein Halsband, das allerdings nur Deko-Zwecke erfüllt und vielleicht sogar verstecken soll, wie stark die dünne Schnur beim Gehen dann wirklich in den Hundehals einschneidet. Die in diesem Video gezeigte Anwendung einer Leine verstößt in Österreich übrigens gegen das Tierschutzgesetz, weshalb wir eindringlich davon abraten. Das Videobeispiel soll vielmehr zeigen, dass man sich durchaus dessen bewusst ist, hier mit Schmerzreizen zu arbeiten.

3. So schwierige Red Zone Dogs können anders gar nicht rehabilitiert werden.

Wie bereits eingangs fest gestellt wurde, führt der Einsatz von Konfrontationsmethoden oft zu Widerstand – den ein sich verteidigender Hund in der Regel mit seinen Zähnen leistet. Deshalb greifen tatsächliche Experten nicht nur auf Schutzkleidung zurück, sondern auch auf sogenanntes Empowerment-Training, bei dem das Tier neue Lösungsstrategien lernt. Im Gegensatz zu vielen anderen Raubtieren sind Hunde genetisch darauf „programmiert“, mit uns Menschen zu kooperieren. Das bedeutet, dass man gerade bei Hunden, selbst wenn sie hochgradig aggressiv sind, durch Vertrauensaufbau viel schneller zum Erfolg kommt als mit Druck und Konfrontation. Moderne Methodik funktioniert. Strafbasiertes Training hemmt letztendlich nur Verhalten, ohne dem Tier zu verraten, was das richtige Verhalten wäre. Für mich ist das wirklich Verwerfliche an diesen Methoden, dass die Hunde, wenn sie das unerwünschte Verhalten aufgrund der „Korrekturen“ eingestellt haben, niemals bis seltenst im richtigen Verhalten bestärkt werden. Wenn man nun also mit positiver Bestärkung sogar einen Tiger zur friedlichen Kooperation bewegen kann – wieso nicht auch Hunde? Hier ein wunderschönes Beispiel von erfolgreichem, kleinschrittig aufgebautem Training mit einem Tier, das Menschen sofort töten könnte.

2. Das tut den Hunden nicht weh.

Wenn ein Hund, der einen Artgenossen oder Menschen gerade noch „fressen“ wollte auf eine „kleine Korrektur“ hin jegliches oder zumindest das unerwünschte Verhalten für einen bestimmten Zeitraum einstellt, dann muss sie dem Hund unangenehm gewesen sein. Ist dem Hund eine „Korrektur“ unangenehm, so ist sie im Fachjargon als „aversiv“ einzuordnen und entspricht lerntheoretisch dem Hinzufügen einer Strafe, die (unerwünschtes) Verhalten verringert. Dass den Hunden gewisse Reize wie Leinenkorrekturen, Nierenstupser und kurze kleine Kicks in die weichen Hundeseiten weh tun, sieht man nicht nur an ihrer Körpersprache – so fern man diese lesen kann – sondern eben leider auch daran, dass sie (unerwünschtes) Verhalten zumindest kurzfristig sein lassen. Strafbasierte Trainingsmethodik führt zu zahlreichen unerwünschten Nebeneffekten und kann durchaus auch tierschutzrelevant sein. Mehr darüber kann man unter anderem in meiner weiter oben im Text verlinkten Arbeit nachlesen oder hier nachsehen:

1. Cesar Millan ist ein Experte.

Der Hundeflüsterer ist Autodidakt. Wie er selbst in einem Interview zugab, denkt er nicht viel nach. Die fehlende Reflexion ist natürlich eine schlüssige Erklärung für professionelle Fehleinschätzungen, wie den Faux-Pas, den er sich erst 2016 leistete. Der Hundeflüsterer findet es „nicht fair, dass manche Leute behaupten, dass eine abgeschlossene Ausbildung so wichtig sei.“ Grundsätzlich ist Hundetraining in Österreich wie auch in den Staaten ein freies Gewerbe, das keiner Ausbildung bedarf. Befindet man sich allerdings aufgrund seiner Stellung/Profession in einer Position über das Leben und den Tod von Tieren zu entscheiden, so wäre eine einschlägige Ausbildung eventuell durchaus von Nutzen. Immerhin geht man mit Krebs auch in den wenigsten Fällen zu jemandem, der schon seit frühester Jugend Tumore anschaut, sondern zu einem entsprechend ausgebildeten Arzt.

Als Experten werden für gewöhnlich ausschließlich Personen bezeichnet, die zumindest über eine fundierte Ausbildung verfügen und somit als sachverständig gelten. Den Hundeflüsterer ausschließlich aufgrund eines umfangreichen IMDB-Eintrages als Experten zu titulieren, tut nicht nur jenen Menschen unrecht, die tatsächlich über einschlägiges Wissen verfügen, sondern ist schlichtweg ein alternativer Fakt. Sorry to burst your bubble.

 

Eine Einladung.

Gebt modernem Hundetraining eine Chance. Wer den Hundeflüsterer im Fernsehen gesehen oder seine Bücher gelesen hat, und sich daraus etwas mitnehmen konnte – fein für euch! Wenn ihr auf der Veranstaltungen seiner Tour wart, hebt eure gebrauchte Eintrittskarte auf. Gemeinsam mit dem Gutschein unserer Tauschaktion könnt ihr sie in den nächsten sechs Monaten bei einer der über 150 teilnehmenden Hundeschulen in Österreich, Deutschland oder der Schweiz eintauschen. Zieht selbst einen Vergleich. Wenn ihr durch Cesar umgedacht habt – vielleicht bringt euch ja auch modernes Hundetraining was.

Es freut mich sehr, mit diesem Beitrag unsere Blogparade zur Tauschaktion abschließen zu dürfen. Zwei Wochen lang haben TrainerInnen verschiedenste tolle Artikel rund um Hundeerziehung verfasst – hier die Liste aller Blogs, die der Aktion gewidmet waren:

Mein herzlichster Dank gilt allen UnterstützerInnen der Tauschaktion, Obendrein für die Flyergestaltung,  allen bloggenden TrainerInnen und jedem einzelnen Hundefreund, der im Umgang mit seinem Tier sagt: Kooperieren statt Korrigieren.