ruhige Energie in Action

Die Fabel von der ruhigen Energie

Nicht alles, was TV-Hundetrainer so sagen, ist Blödsinn. „Du brauchst eine ruhige Energie,“ rät der Hundetrainer im Fernsehen dem überforderten Hundehalter, der mit seinen Nerven am Ende ist. In der Theorie hört sich das ja nett an, aber wie soll das denn bitte gehen? Ein paar Tipps für ruhige Energie im Hundetraining.

Stimmungsübertragung

Als hochsoziale Lebewesen sind wir Menschen und unsere Hunde sehr empfänglich für Stimmungsübertragung. Ein aufgeregt bellender Hund versetzt uns in Alarmbereitschaft, während ein entspannt kontaktliegendes Tier meist auch bei uns Entspannungszustände auslöst.

Das Prinzip der Stimmungsübertragung kann uns also entweder zum Verhängnis werden oder sehr positive Effekte haben, wenn wir uns die ruhige Energie zu Nutze machen. Wie das geht, verraten unsere Tipps.

Der Weg zur Affektregulation

Ein Screenshot von Notegraphy.

Es gibt viele verschiedene unangenehme Gefühle, die wir oftmals unterdrücken. Das Problem mit unliebsamen Gefühlen wie Ärger, Wut, Scham, Hilflosigkeit, Überforderung oder Traurigkeit ist, dass wir schon recht früh lernen, sie zu unterdrücken. So brodeln sie dann aber unter der Oberfläche und kosten uns Nerven – und beeinflussen so unsere Stimmung und unsere „Energie“. Wenn wir uns mit diesen Gefühlen auseinander setzen, können wir Affektregulation lernen und damit auch unsere „Energie“ beeinflussen. Weil es aber selten hilft, jemandem aufgeregtem zu sagen, sich zu beruhigen, brauchst du eine andere Lösung als den bloßen Rat zur ruhigen Energie.

Was du brauchst, sind alternative Angebote – Dinge, die du tun kannst, um deine Gefühle und die Situation unter Kontrolle zu bringen. Um herauszufinden, was davon für dich geeignet ist, müssen wir zunächst einmal herausfinden, wann und warum du die Nerven verlierst.

Um eine ruhige Energie ausstrahlen und nutzen zu können, musst du zuerst einmal herausfinden, wann du sie am meisten brauchen kannst und am wenigsten davon hast.

Vielen meiner KlientInnen hilft es, eine Liste anzulegen von den verschiedenen Situationen, in denen sie ihre Nerven verlieren. Um so eine Liste anzufangen, helfen folgende Fragen:

  • Ärgerst du dich manchmal über deinen Hund? Was tut er, das dich ärgert oder gar wütend macht? Wie gehst du mit deinem Ärger oder deiner Wut um? Wie lässt du Dampf ab?
  • Fühlst du dich manchmal überfordert oder hilflos durch das Verhalten deines Hundes? Was für ein Verhalten ist das? Wie äußern sich deine Überforderung oder Hilflosigkeit?
  • Macht dich ein bestimmtes Verhalten deines Hundes unruhig?
  • Wirst du manchmal traurig, wenn dein Hund ein bestimmtes Verhalten zeigt?
  • Schämst du dich manchmal für deinen Hund? In welchen Situationen schämst du dich für ihn? Wie beeinflusst das dein Zusammensein mit deinem Hund?

Es gibt viele verschiedene Wege, die eigenen Gemütsbewegungen unter Kontrolle zu bringen. Ein paar davon möchte ich euch im Folgenden vorstellen.

Ruhige Energie leicht gemacht

Ganz gleich, welches Gefühl dafür verantwortlich ist, dass du deine Nerven verlierst – es gibt einen Tipp, den du immer und in jeder Situation nutzen kannst. Und das ist: Ausatmen!

So banal es klingen mag – einmal tief ein- und auszuatmen hilft uns Menschen zumindest momentan, körperliche Anspannung abzubauen. Oft hat es zudem auch noch den netten Nebeneffekt, dass auch unsere Hunde einmal kurz innehalten oder sich gar umdrehen und schauen, warum wir so schnaufen. Und das wiederum können wir dann nutzen, um erwünschte(re)s Verhalten einzufordern.

Das praktische am Ausatmen ist, dass wir es immer und überall tun können ohne vorher viel Üben zu müssen. Probier es einfach einmal aus!

Achtsamkeit und ruhige Energie

Wenn es um bestimmte Gefühle geht, brauchen wir oft auch spezifischere Werkzeuge, um mit ihnen umzugehen. Denn wir Menschen lernen schon sehr früh, dass wir unangenehme Gefühle möglichst nicht zeigen sollen. Diese unliebsamen Gefühle momentan zuzulassen, ist anfangs oft sehr schwierig. Vor allem, wenn einem die ruhige Energie in der Öffentlichkeit abhanden kommt.

Der englische Begriff der „Mindfulness“, zu deutsch Achtsamkeit, bezeichnet unter anderem die menschliche Fähigkeit, uns unserer selbst sowie unseres Umfelds bewusst zu sein ohne überwältigt davon zu sein, was um uns herum passiert. Dieses Konzept wird sowohl in der Stressbewältigung als auch in der Psychotherapie und in der Pädagogik erfolgreich eingesetzt.
Mithilfe der Liste, die du vorher schon begonnen hast, kannst du dich zu Hause in Ruhe mit den aufregenden Situationen auseinandersetzen und dir überlegen, wo du das Ausatmen und das Achtsamsein einbauen kannst.

Wenn du dann das nächste Mal in so einer aufregenden Situation bist – zum Beispiel, dass dein Hund auf der Straße einen anderen anbellt – atme einmal tief ein und aus. Achte darauf, ob dein Körper irgendwo besonders angespannt ist. Falls ja, atme nochmals tief ein und aus. Das praktische am Atmen ist, dass man es auch machen kann, während man mit dem Hund aus der aufregenden Situation geht.

Versuche, wahrzunehmen, wann dir die Nerven abhanden kommen und das Gefühl, das du aufgeschrieben hast, Überhand zu nehmen scheint. Wenn dir das auffällt, ist ein guter Zeitpunkt, wieder bewusst zu atmen. Das hilft dir dabei, womöglich ein weiteres Werkzeug zu nutzen und zurück zur ruhigen Energie zu finden.

Wenn Ärger Überhand nimmt

Auch in Situationen, in denen du dich primär ärgerst, kann Achtsamkeit helfen. Allein die Differenzierung zwischen Ursache und Auslöser deines Ärgers oder deiner Wut kann dir dabei helfen, besser mit ihnen umzugehen.

Bleiben wir beim obigen Beispiel: Dein Hund bellt aufgeregt auf der Straße, deshalb richten PassantInnen und der andere Hundehalter ihre Aufmerksamkeit auf dich und bewerten dich womöglich mehr oder weniger kommentarlos. Das ist aus verschiedenen Gründen unangenehm. Die Ursache deines Ärgers ist, dass dein Hund bellt. Der Auslöser ist die unerwünschte Aufmerksamkeit deiner Umwelt. Wenn wir allerdings Auslöser und Ursache verwechseln, richtet sich der Ärger schnell gegen den Hund.

Was kannst du also tun statt deinen Hund anzuschnauzen, wenn du dich ärgerst?
Richtig! Einmal tief ein- und ausatmen!
Nimm den Ärger wahr. Mach eine feste Faust – auch das geht eigentlich fast immer und überall, auch mit der Leine in der (anderen!) Hand – und spür deinen Ärger darin. Du darfst dich ärgern. Womöglich hat dein Hund nur gebellt, weil der andere zu plötzlich um die Ecke auf ihn zu schoss und dass dich die PassantInnen anschauen, als hättest du keine Kontrolle über dein Haustier ist einfach nicht gerechtfertigt. Achte darauf, dass du dich dabei auf den wirklichen Auslöser konzentrierst. Während du mit geballter Faust atmest, kannst du dir vorstellen, wie du Dampf ablässt. Dann atme nochmals tief ein und öffne die Faust bewusst beim Ausatmen.

Die gleiche Übung kannst du auch machen, wenn du von Überforderung, Traurigkeit oder anderen starken Gefühlen betroffen bist. Die Faust zu machen hilft dir dabei, dich selbst zu spüren und deine Gefühle somit auch besser wahrzunehmen. Das bewusste Öffnen der Faust hilft wiederum dabei, das Gefühl loszulassen, um wieder in den Moment zurückzukehren ohne die Kontrolle zu verlieren.

Solltest du merken, dass der Auslöser für deine Anspannung oder deine Überforderung ausschließlich im Verhalten deines Hundes liegt und gar nichts mit der Umwelt zu tun hat, ist es vielleicht an der Zeit für ein gezieltes Verhaltenstraining.

Weitere Möglichkeiten zur Emotionsregulation bieten ein Tagebuch, autogenes Training, konditionierte Entspannung für deinen Hund oder dich und weitere gezielte Achtsamkeits-Übungen.

Durch ruhige Energie zum Ziel

Gutschein und TV-Trainer-Ticket gegen ein modernes Training tauschen.

Wie eingangs schon festgestellt, ist nicht alles, was TV-Hundetrainer von sich geben, falsch, wenngleich oft mehr eigene Philosophie als Fachwissen dahinter steht. Ein sehr bekannter US-Star tourt aktuell wieder im deutschen Sprachraum mit seinen Fabeln von ruhiger Energie – deshalb gibt es neben diesem Artikel auch heuer wieder die Aktion „Tausche TV-Hundetrainer-Ticket gegen Training“ in Österreich, Deutschland und der Schweiz mit einer zugehörigen Blogparade.

Solange der umstrittene Hundeflüsterer tourt, liefern euch verschiedenste BloggerInnen – darunter auch branchenbekannte Namen wie Sonja Meiburg – informative und nachdenkliche Artikel zu Empowerment, Abbruchsignalen, Tierschutzhunden und vielem mehr rund um den Hund.

Seid gespannt – aber vergesst nicht auf die ruhige Energie!

 


Hier findet ihr eine Liste der anderen Artikeln der Blogparade zur Ticket-Tausch-Aktion 2018, ich werde sie bis zum 26. April 2018 laufend mit den aktuellen Artikeln ergänzen:

Die Blogparade von 2017 kannst du bei Interesse zwischenzeitlich hier nachlesen: Klick.

Mit der VÖHT-Vizepräsidentin Karin Immler und Andreas Baier vom Netzwerk Canis Pacalis durfte ich übrigens im Salzburger Radio ein nettes Gespräch über TV-Hundetraining führen, das du hier nachhören kannst: Zur Radiofabrik.