Gesicht lecken

Kiss to dismiss – Gesicht Lecken als freundliches „Bussi, Baba“

Schon mal versucht, mit dem Hund ein Selfie zu machen und so richtig nah ran gerutscht dafür? Küsschen bekommen? Wann das Gesicht Lecken eher eine Bitte um Distanz als eine Liebeserklärung ist, wollen wir im Folgenden betrachten.

Warum Hunde uns das Gesicht lecken

hat verschiedene Gründe. Verhaltensbiologisch begründet sich das Schnauzen Lecken bei Wölfen dadurch, dass die erwachsenen Tiere daraufhin für die Welpen Futter erbrechen, das sie im Magen zurück zum Wurf getragen haben. Schnauzen lecken wird sowohl unter Wölfen als auch Hunden von Jungtieren während Begrüßungen älterer Tiere gezeigt und wird daher meist allgemein als Beschwichtigungs-, Deeskalations- oder Submissionssignal bezeichnet. Unterschreitet ein Tier die Individualdistanz eines anderen, geht dies oft mit Schnauzen lecken zur Konfliktvorbeugung einher, weshalb es oft als freundliches Besänftigungssignal verstanden wird.

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Obiges Bild zeigt übrigens kein „kiss to dismiss“, sondern einfach nur, wie ein Aussie „Guten Morgen“ sagt: Mit ausgiebigster Gesichtswaschung, weil Hygiene muss sein!

Komplexere Kommunikation

Unsere Hunde setzen Schnauze oder Gesicht Lecken allerdings nicht nur während Begrüßungen ein. Jennifer Shryock, die Begründerin der internationalen Eltern-Aufklärungsbewegung Family Paws Parent Education (in DACH: Familie mit Hund) hat beobachtet, dass eine bestimmte Art des Gesicht Leckens anscheinend dazu intendiert ist, die Distanz zum Beleckten zu erhöhen. Sie nennt diesen Vorgang „kiss to dismiss“ (übersetzbar als „Küssen, um wegzuschicken“) und beschreibt ihn als einen möglichen Versuch des Hundes, sich Raum zu schaffen.

Der Hund hat keine Hände

Wir Menschen können durch Gesten oder Berührungen Distanz schaffen, so fern wir nicht die richtigen Worte finden. Von Hunden wissen wir, dass sie eher körper- als lautsprachlich kommunizieren. Das bedeutet, dass wir im Umgang mit ihnen viel Übersetzungsarbeit leisten müssen. Eine der einfachsten Übersetzungen ist, dass was wir mit den Händen tun, der Hund meist mit der Schnauze macht. Als Welpe erkundet er damit die Welt. Später lernt er, damit vergrabene Schätze zuzudecken, Dinge wegzuschieben, angelehnte Türen damit aufzustupsen und auch, sich damit auf mehr oder weniger freundliche Weise Abstand zu schaffen, wenn dies nötig wird.

Küsschen als Art des sozialen Lächelns

Wir Menschen lernen in etwa in der achten Lebenswoche, auf Gesichter mit einem sozialen Lächeln zu reagieren. Der vermutete evolutionäre Sinn dahinter ist die Herstellung einer günstigen sozialen Interaktion bzw. einer Gefahrenabwehr. Dies stellt den Zirkelschluss zum Gesicht Lecken als „Beschwichtigung“ dar. Wenngleich Shryocks Hypothese noch nicht wissenschaftlich erforscht wurde, ist sie durchaus hilfreich im Umgang mit Hunden.

Bussi Baba?!

In der Wiener Mundart wird ein Küsschen als „Bussi“ bezeichnet – und verabschiedet wird sich oft mit „Baba“ statt „Tschüss“. Dieses „Baba“ kann –wie fast alles im Wienerischen eher abfällig und distanzvergrößernd, aber auch durchaus charmant vertraut gemeint sein. (Auch hier Bedarf es Feingefühl und Wissen um die Spezies „Wiener“ – genau wie im Umgang mit dem Hund.)

Ein Hund, der seine Individualdistanz auf für ihn unangenehme Weise unterschritten sieht, aber grundsätzlich freundlich ist, wählt meist die Strategie des Küsschen Gebens. Es ist durchaus möglich, dass er im Verlauf seines Lebens lernt, dass wir Menschen (die wiederum gelernt haben, dass Hunde Krankheiten übertragen können und manchmal an für uns widerlichen Sachen schnüffeln oder gar lecken) zurückweichen, wenn er uns im Gesicht abschleckt. Der Hund will also gemäß Shryocks Hypothese eine sozial günstige Interaktion herstellen bzw. gleichzeitig unangenehme Nähe abwehren – und greift auf die erlernte Strategie „kiss to dismiss“ zurück.

Die richtige Reaktion

Ganz gleich, ob man das Gesicht Lecken hier als Beschwichtigung, Besänftigung oder Submission interpretieren möchte – es kann keinesfalls schaden, dem Hund als Reaktion etwas Raum zu geben. Hört er dann mit dem Schlecken auf, hat er wahrscheinlich sein Ziel erreicht – und zwar auf eine freundliche Art, ohne seine Zähne zum Einsatz bringen zu müssen.

Hunde, die höflich „Ich möchte das nicht“ sagen lernen und können, behalten diese Strategie bei, wenn man ebenfalls höflich darauf reagiert. Deshalb ist wichtig, die Interaktion von Kindern und Hunden immer zu supervisieren – damit man im Zweifelsfall dem Hund helfen kann, bevor er sich wiederholen muss.

 Obiges Bild zeigt mich beim Kuscheln mit meiner Hündin Mia – wenn sie genug hat, gibt’s Küsschen – ein perfekter Fotomoment, aber auch ein Zeichen, wieder ein bisschen auf Abstand zu gehen.

Dismissed

Ebenfalls höflich Distanzieren möchte ich mich in diesem Rahmen von einem amerikanischen Fernseh-Entertainers, der seine jüngste DACH-Tour soeben beendet hat. Wer eine seiner Shows besuchte, ist herzlich eingeladen, das gebrauchte Ticket in den nächsten sechs Monaten gegen ein kostenloses Training bei einer von über 200 Hundeschulen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz einzutauschen.

Mit diesem Artikel darf ich die Blogparade 2018 zur Aktion „Tausche TV-Trainer-Ticket für ein gratis Hundetraining“ der Initiative für gewaltfreies Hundetraining zu Ende bringen. Mein herzlicher Dank gilt Bettina Stemmler, allen unterstützenden Hundeschulen, allen BloggerInnen die mit tollen Beiträgen auf die Aktion aufmerksam gemacht haben und jedem einzelnen Hundemenschen, der unermüdlich für moderne Trainingsmethodik plädiert. Bussi baba, Cesar!

Hier gibt es nochmals eine Auflistung aller Beiträge der heurigen Blogparade mit Links zu den Blogartikeln und Facebook-Seiten der AutorInnen: