Biete Stöckchen für Villa auf Hawaii

Der Deutsche Michael Wigge reiste um die Welt, um sich von einem Apfel zu einem Haus in Hawaii „hochzutauschen.“ Warum und vor allem wann Tauschgeschäfte mit dem Hund ähnlich profitabel sein können, und worauf beim Training unbedingt geachtet werden sollte.

Dem Hund etwas, das er nicht haben soll, einfach wegzunehmen, ist heutzutage nahezu verpönt. Moderne Hundeerziehung zielt darauf ab, unsere vierbeinigen Begleiter nicht durch Frust und Meideverhalten, sondern durch Motivation und positive Bestärkung zu erziehen. So soll unser bester Freund lernen, aus eigenen Stücken die  richtige Entscheidung zu treffen, ohne gefundene Beute aus Angst vorm Wegnehmen oder gar einer weiteren Einwirkung sofort abzuschlucken.
Daher empfehlen TrainerInnen oft, das Abnehmen von Gegenständen über Tauschgeschäfte zu üben. Dies hat Vor- und Nachteile, mit denen sich HundehalterInnen vor Beginn des Tausch-Trainings auseinandersetzen sollten. Um den Nachteilen vorzubeugen, sollte nebenher an einem soliden Abbruchkommando (= von etwas ablassen und sich zum Menschen orientieren) mit Alternativverhalten gearbeitet werden.

Wann Tauschen besonders toll ist
Besonders gut eignen sich Tauschgeschäfte bei Welpen und bei unsicheren oder ängstlichen Hunden, um Spielzeug und Haushaltsgegenstände vertrauensvoll abgeben zu lernen. Dabei sollte beachtet werden, dass der Hund keine Verhaltenskette lernt, wie zum Beispiel „wenn ich am Schuh kaue, bekomme ich ein Schweineohr“.

Die Vorteile des Tauschens liegen auf der Hand: unser Hund lernt, dass etwas freiwillig herzugeben (vs.: es wird ihm etwas weggenommen) erfreuliche Konsequenzen hat. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er gefundene Gegenstände bringt, um sie herzuzeigen. Gleichzeitig gewinnt er an Selbstbewusstsein und Vertrauen, denn wenn er etwas abgibt, bekommt er etwas Besseres von seinem Menschen. Wird dann auch noch mit Stimmungsübertragung gearbeitet, wird das Herzeigen und Tauschen bald zu einer Lieblingsaktivität des Hundes.

Fehler vermeiden
So weit, so gut. Folgende häufige Fehler bei Tauschgeschäften verringern deren Erfolgsquote: Während anfangs immer gegen Hochwertigeres getauscht wird, sollte bald auf eine variable Bestätigung geachtet werden. Es muss nicht immer ein Schweineohr sein, manchmal ist es ein kurzes Kontakt- oder Laufspiel mit dem Menschen, mal Streicheln oder Kraulen da, wo’s richtig gut tut. Nur so lernt der Hund, allgemeinere Interaktion und nicht nur Leckerbissen als Belohnung wahrzunehmen. Dies beugt etwaiger Frustrationsproblematik vor und ermöglicht das zeitgerechte Abbauen des tatsächlichen Tauschens. Für ein vertrauensvolles Abgeben sollte der Hund immer gelobt werden!

Natürlich haben Tauschgeschäfte auch Nachteile. Verpasst das Mensch-Hund-Team beispielsweise den Wechsel auf variable Belohnung, finden sich HundehalterInnen schnell ‘mal in der Position, nichts zum Tauschen dabei zu haben und den Gegenstand nicht freiwillig vom Hund zu bekommen. Knabbert der Hund am Pantoffel und bekommt wortlos einen Jackpot, kann er sich im Schuh-Kauen bestätigt sehen, wodurch er dieses unerwünschte Verhalten womöglich öfter zeigt. Hier sollte man durchaus auch auf Stimmungsübertragung achten: hechtet man zum Hund und schimpft womöglich aufgeregt, wird er eher verunsichert reagieren. Stattdessen empfiehlt sich eine einfache und freundliche Kommunikation. „Was hast denn du da? Zeigs’s mal her“ – Abnehmen des Schlapfens – „Na, das ist aber nicht für’n Hund! Schau, das ist besser!“  und dem Anbieten eines alternativen Kaugegenstandes  kann ein Welpe oder neuer Hund schnell richtig verknüpfen, welche Dinge er anknabbern darf.

Wichtig ist hier die Abfolge:
– in einem leichten Bogen zum Hund gehen, hinhocken
– freundlich mit dem Namen ansprechen, um seine Aufmerksamkeit zu gewinnen
– langsam an den Gegenstand fassen, diesen ruhig halten und “Zeig’s mal her” (oder “Aus”…) sagen
– sobald der Hund auslässt, loben und alternativen Kaugegenstand anbieten wie oben beschrieben. Den abgenommen Gegenstand nonchalant aus dem Blickfeld entfernen.

Nur in “Notsituationen” oder bei Hunden mit Ressourcenproblemen sollte der Tauschgegenstand vor dem Abnehmen gezeigt werden. Wir wollen den Hund ja nicht bestechen, sondern ihn für das Auslassen belohnen. Zeigt man den Tauschgegenstand vorher, sagt man erst “Schau mal hier” und “Aus” oder “Zeig’s her” während der Hund auslässt und auf das andere wechselt. Dann wird gelobt.

Einwände der alten Schule
Ein deutscher Hundetrainer mutmaßt in seinem Onlineartikel „Hundeerziehung“, Tauschgeschäfte „erübrigen ja die Notwendigkeit von Durchsetzungsvermögen oder Führungsanspruch“. Darüber hinaus befürchtet er eine „Interessenskollision“ für den Hund, falls der Tauschartikel nicht hochwertig genug ist. Moderne Hundeerziehung basiert nicht auf veralteten Dominanztheorien, sondern auf positiven Assoziationen des Hundes.
Sicherlich muss bei Tauschgeschäften genau wie bei jedem anderen Training auf richtiges Timing und Fortschritte im Sinne von variabler Bestätigung und Abbauen der Hilfe (= des tatsächlichen Tauschens) geachtet werden. Am Ende eines erfolgreichen Tausch-Trainings muss kaum mehr getauscht werden, ein Lob für gute Leistung steht dem Hund aber allemal zu.

Trifft der Hund dann freiwillig die richtigen Entscheidungen (die ich ihm nahegelegt habe), sehe ich mein Durchsetzungsvermögen keinesfalls als erübrigt an – ich muss nur weniger häufig etwas nachdrücklich durchsetzen, weil es auf eine freundliche Aufforderung hin von alleine passiert.
Ein demokratischerer Umgang mit unseren Vierbeinern hat nichts mit antiautoritärer Erziehung zu tun, sondern vielmehr mit unserer Einstellung zu und unserem Umgang mit unseren besten Freunden. Digga wird mir für ein Stöckchen oder einen Apfel zwar kein Häuschen auf Hawaii herbeizaubern, aber sein Vertrauen und ein glückliches Schlabbergrinsen sind’s für mich gleich wertvoll.

Hier geht’s zum gestrigen TV-Total Interview mit Michael Wigge.