Was tun, wenn der Hund nicht mehr sieht

Mit einigen kleinen Veränderungen und gezieltem Training kann ein blinder Hund auch in der Stadt eine tolle Lebensqualität genießen. Hunde, die ihre Sicht verlieren, verlassen sich mehr auf ihre Nase, ihre Ohren und den Tastsinn. Dadurch, dass die anderen Sinne der Blindis so sehr gefordert werden und sie teilweise mehr Stress erleben, ermüden sie schneller und brauchen dementsprechend Pausen und Ruhephasen.

Oftmals wird eine Blindheit oder Sehschwäche wie im Fall der kleinen Lucy, von der ich unlängst berichtete, erst recht spät entdeckt, weil die Hunde oft eigenständig vor Hindernissen halten und so den Schein erwecken, immer noch zu sehen. Das rührt daher, dass Bewegungen kleine Staubpartikel aufwirbeln, die von möglichen Hindernissen zurückreflektieren. Sie werden über die Tasthaare wahrgenommen, woraufhin der Hund zu riechen beginnt und dann eine mögliche Blockade olfaktorisch wahrnimmt. Über die Pfoten spüren sie zusätzlich Vibrationen und Texturwechsel am Boden und können sich auch so gut zu Recht finden.
Die wichtigsten Dinge, die es im Zusammenleben mit einem blinden Hund zu beachten gilt, habe ich in acht Abschnitten zusammengefasst.

Nicht verunsichern

Am wichtigsten ist, einen Hund, der sich in einer sinnlichen Umorientierungsphase befindet, nicht weiter zu verunsichern, in dem man ihn im Schlaf oder von hinten berührt, ohne ihn vorher angesprochen zu haben. Unbedingt sollten Bekannte darauf hingewiesen werden, den Hund immer vorher anzusprechen und schnüffeln zu lassen, bevor sie ihn streicheln. Auch Fremde sollte man vorwarnen und den Hund evtl. mit einem Halstuch oder Geschirr ausstatten, das auf seine Sehbehinderung hinweist. Den Hund zu sehr zu verhätscheln oder zu bemitleiden ist kontraproduktiv, da es ihn in einer temporären Hilflosigkeit bestätigen und sie auch noch fördern könnte. Wichtig ist außerdem, einen blinden Hund nicht ohne Vorwarnung aufzuheben und zu tragen, da dadurch seine Orientierungsmöglichkeit verloren geht und er so Unsicherheiten entwickeln kann.

Gezielte Hörsignale einführen

Mit diversen Hörsignalen kann man seinem Hund den Alltag gehörig erleichtern, in dem man ihm beispielsweise Texturwechsel (Gras, Asphalt, Gitter, Fliesen…), Hindernisse, Treppen, Hundebegegnungen und vieles mehr ansagt. Es dauert zwar einige Zeit, dem Hund diese verschiedenen Signale beizubringen, aber er wird sich mit wachsendem Vertrauen dafür dankbar zeigen und einiges an Lebensqualität dazugewinnen. Manche Besitzer binden sich oder anderen Haustieren Glöckchen an, damit der blinde Hund nicht plötzlich überrascht wird, sondern aufgrund seines dreidimensionalen Gehörs orten kann, wer und vor allem woher man sich nähert. Durch Geräuschhilfen wie Schenkelklopfen beim Richtungswechseln, Fingerschnipsen beim Stehenbleiben und dem Aufbauen einer intermediären Brücke kann dem Hund zusätzlich beim Orientieren geholfen werden.
Darüber hinaus ist es gut, den blinden Hund immer wissen zu lassen, wenn man den Raum betritt oder verlässt, damit er sich nicht erschrickt.

Homebase und Wohnungsplan aufbauen

Große Möbelumstellaktionen sollten in Haushalten mit blinden Hunden nicht stattfinden, ohne eine folgende ausgiebige Trainingsphase einzuberechnen. Die Hunde erstellen eine Art mentalen Wohnungsplan und müssen lernen, sich dann erst wieder zu Recht zu finden. Die Böden sollten jedenfalls immer frei geräumt sein. Außerdem wird oft empfohlen, auf allen Vieren die Wohnräume abzuklappern und auf Verletzungsmöglichkeiten auf Hundehöhe zu kontrollieren. Scharfe Ecken und Kanten gilt es zumindest in der ersten Zeit mit Kinderschützen zu versehen.
Das Hundebett oder die Futter- bzw. Wasserstelle als Homebase nehmend, kann man sich mit seinem Hund nun durch die Wohnung arbeiten und dabei schon die (neuen) Hörzeichen üben. Da sich der blinde Hund viel über die Nase orientiert, kann man zB. durch das Auslegen von Leckerlis sein Explorationsverhalten und in Folge das Mindmapping fördern. Lucy wohnt zwar in einer Stadtwohnung mit Terasse aber Halter mit Gärten sollten auf jeden Fall darauf achten, giftige Pflanzen zu entfernen.

Markieren mit Gerüchen

In dem man Treppenanfänge oder –enden, bestimmte Hindernisse, die Futterstelle oder den Hundeplatz  auf Schnauzenhöhe mit aromatischen Ölen kennzeichnet, kann man dem Hund das zu Recht Finden in den Wohnräumen wesentlich erleichtern. Wichtig ist, die Düfte nur spärlich einzusetzen, da sich die ohnehin schon sensible Hundenase durch das Kompensieren des verlorenen Sehsinns noch weiter sensibilisiert. Zitrus-Düfte gilt es bei den meisten Hunden zu vermeiden, etwas Wärmeres wie Vanille, Melisse oder römische Kamille wird in der Regel jedoch gut angenommen.

Blinde Hunde bellen mehr?

Manche Hundehalter berichten, dass ihre blinden Hunde mehr bzw. öfter bellen und dass dieses Bellen dann meist ein bestimmtes Bedürfnis wie Futter, Wasser oder Gassi ausdrückt. Ein weiterer Grund kann sein, dass der Hund schreckhafter oder nervöser ist und daher mehr Lautsprache anwendet. Hör auf deinen Hund und achte auf seine Körpersprache.

Spazieren mit einem blinden Hund

Auch ein blinder Hund braucht Bewegung und die Auseinandersetzung mit Umweltreizen. Beim Spazieren gilt es jedoch, vorausschauender zu agieren, als dies mit einem sehenden Hund der Fall ist. Besonders bei Fahrrädern, Skateboards, Rollern und knapp vorbeigehenden Passanten ist Vorsicht gegeben, damit der Hund nicht überrannt wird. In der Stadt ist es zwar kein leichtes Unterfangen, aber Menschenmassen sollten vermieden werden. Auf Wegen oder im Wald sollte man auf herausstehende Äste und andere Hindernisse auf Hundehöhe  achten und den Hund rechtzeitig durch Hörzeichen darauf hinzuweisen oder gegebenenfalls mit der Leine lenken. Da plötzlicher Erblindung meist eine Art von Augenkrankheit vorherging, wird oft empfohlen, auf ein Brustgeschirr umzusteigen um den Druck auf Hals und vor allem Augen zu verringern.

Blinde Hunde und Artgenossen

Hundebegegnungen würde ich nur mit Hundefreunden und besonders sozialen Hunden zulassen und dabei sehr genau auf die jeweilige Körpersprache achten.  Oft haben blinde Hunde einen „starren“ Blick, den Artgenossen leicht als fixieren missdeuten können. Dazu kommt, dass sich blinde Hunde stark über das Gehör orientieren, die Ohren also oft nach vorn gerichtet sind – diese körpersprachlichen Signale können somit trotz des fehlenden Knurrens als beginnendes Angriffsdrohen missverstanden werden. Dazu kommt, dass ihr Hund die Körpersprache seines Gegenübers nicht mehr deuten kann, weshalb es umso wichtiger ist, dass Sie sich hier gut auskennen, andere Hundehalter darauf hinweisen und rechtzeitig unterbrechend eingreifen.

Blinder Besuch

Darf dein blinder Hund wie Lucy oft mit auf Besuch zu Freunden oder ins Büro, solltest du ihm anfangs immer ein bisschen Zeit geben, alles langsam und evtl. an der Leine zu erkunden. Auch ist es empfehlenswert, eine geruchlich bekannte Decke oder dergleichen mitzunehmen, damit der Hund weiß, wo er ruhen darf. Je mehr Sicherheit du dem Hund gibst, desto weniger wird die Behinderung mit der Zeit auffallen.

Sobald der Mensch sich also ein wenig daran gewöhnt hat, seinem Hund mehr Hilfe zu geben, lässt sich ein sehr harmonisches Zusammenleben erreichen.
Demnächst widme ich mich den Trainingsmöglichkeiten mit einem blinden Hund. Falls Ihr dahingehend spezifische Fragen habt, stellt sie einfach in den Kommentaren.