Training bei einem blinden Hund

Training ist besonders für blinde Hunde wichtig – es fördert ihr Selbstbewusstsein, Aufgaben erfolgreich zu bewältigen. Außerdem ist die Auslastung auf mentaler und physischer Ebene für sie genauso wichtig wie für körperlich unbeeinträchtigte Hunde. Vom Hundeführer wird viel Rück- und Voraussicht verlangt. Der urbane Alltag beinhaltet unzählige Reize, die mein Trainee Lucy schon vor ihrer Erblindung kennenlernen konnte. Ein paar spezielle Hörsignale sollen ihr dabei helfen, gemeinsam mit ihrem Herrchen weiterhin gut in der Großstadt Wien zu Recht zu kommen.

In Mehrhundehaushalten wird häufig festgestellt, dass sich der blinde Hund mehr an einem der sehenden Leithund orientiert, das prominenteste Beispiel des letzten Jahres war die blinde Dogge Lily mit ihrer Freundin Maddison aus England. Ein Einzelhund wie Lucy muss sich dahingehend natürlich vollkommen auf ihre Halter verlassen, was eine besonders innige Bindung schaffen kann.

Trennungsangst und erlernter Hilflosigkeit vorbeugen

Manche erblindeten Hunde werden extrem zögerlich in ihrem Verhalten. Hier ist es essentiell, Explorationsverhalten zu fördern und viel positiv zu motivieren anstatt den Hund zu bemitleiden und ihn durch alles durchzuführen. Da Lucy durch ihre Erblindung nun sehr abhängig von allen Mitgliedern ihres großen Patchwork-Rudels ist, müssen sie Acht darauf geben, dass keine Trennungsangst oder ständige Nervosität in kurzer Abwesenheit ihrer Bezugspersonen entsteht. Von erlernter Hilflosigkeit spricht man, wenn ein Individuum, ganz gleich ob menschlich oder kanid, sich aufgrund einer Überflutung mit negativen Reizen kaum mehr mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Ob bei blinden Hunden eher von erlernter Hilflosigkeit oder von akuter Depression zu sprechen ist, steht durchaus zur Diskussion. Jedenfalls sollte einer behinderungsbedingten Einschränkung des Verhaltensrepertoires vorgebeugt werden.

In Lucys Fall zeigen sich erste Anzeichen einer beginnenden Abhängigkeit, auch belastet sie der verstärkte Einsatz ihres Gehörs sehr, was ihr das zur Ruhe kommen erschwert.  Deshalb werden wir hier unter anderem mit konditionierter Entspannung ansetzen.

Sinnvolle Hörzeichen

Als Trainer sollte man einiges an Zeit investieren, um den Hundehalter auf verschiedenste „Fallen“ im urbanen Alltag hinzuweisen – an nassen Tagen kann sich der Hund durch die Fontäne eines vorbeifahrenden Autos erschrecken, ein zu nah vorbeifahrender stöhnender LKW oder das Rattern eines Skateboards sind auch für viele sehenden Hunde Auslöser für Angstverhalten. Ein Blindi wie Lucy sollte natürlich wo möglich geschützt oder vorgewarnt werden, um ihr Stresslevel möglichst gering zu halten.

Bevor man mit dem aktiven Training beginnt, sollte man überlegen, was für Signale sinnvoll sind und welche der Hund evtl. schon kennt. Auf jeden Fall empfiehlt sich ein Hinweis auf Hindernisse, Halt, Links, Rechts, Zurück sowie ein Abrufsignal. Wenn man möchte, kann man bei unsicheren Hunden auch für Bodentexturwechsel ein eigenes Signal einführen oder falls nötig eines für Treppen.

Gestaltung des Trainings

Nachdem der Verlust des Sehsinns den Hund sowieso verunsichert, sollte auf jeden Fall nur mit positiver Bestärkung (etwas Angenehmes wird hinzugefügt) gearbeitet werden – das Risiko, dass etwaige positive Strafen (etwas Unangenehmes wird hinzugefügt) falsch verknüpft werden oder unverhältnismäßig erschrecken ist einfach zu groß. Klarerweise muss man bei einem blinden Hund viel mit den olfaktorischen Reizen, die Leckerlis darstellen, arbeiten – also Locken. So lassen sich etliche Übungen wie „zu mir“ für ein Laufen näher beim Hundeführer super aufbauen und schnell erarbeiten.

Ein Clicker erweist sich oftmals hilfreich im Training von blinden Hunden, da er ein konstantes Bestätigungssignal darstellt und das Shaping erleichtert, weil man den Hund ja nicht mehr mit Sichtzeichen und visuellen Körperhilfen lotsen kann. Ein Hund, der wie Lucy noch nie mit dem Clicker gearbeitet wurde, muss natürlich zuerst einmal lernen, dass das Klick „gut gemacht, Futter folgt“ bedeutet.

Aber auch ohne den Einsatz eines Clickers können blinde Hunde sehr schnell die Bedeutung bestimmter Hörsignale lernen. Das „Achtung“ wird am schnellsten verknüpft, wenn man es jedes Mal rechtzeitig sagt, bevor der Hund mit einem Hindernis kollidiert – die meisten Blindis haben es nach wenigen Malen verstanden, da das Anrennen lerntheoretisch einer positiven Strafe entspricht, die von dem Hörzeichen angekündigt wird. „Halt“ oder „Stop“ sagt man anfangs einfach immer dazu, wenn der Hund eigenständig stehen bleibt bzw. wenn man bei gemeinsamen Stadtspaziergängen an einer Ampel wartet.  „Zurück“ kann man durch das Lotsen mit Leckerli oder durch ein sanftes Drücken an die Brust des Hundes aufbauen.

Lucy und ihre Familie machen schon tolle Fortschritte.

Habt Ihr Erfahrungen mit dem Zusammenleben oder Trainieren eines blinden Hundes? Teilt eure Eindrücke und persönlichen Tipps in den Kommentaren!