Live-Bericht: Der Hundeflüsterer in der Stadthalle

Am vergangenen Wochenende trat ein umstrittener amerikanischer TV-Trainer in der Wiener Stadthalle auf. Dank strenger Auflagen seitens des Veterinäramtes und ebenso strengen Kontrollen durch die Behörden vor Ort, war die Live Show wesentlich “zahmer” als man als Connaisseur seiner TV-Serien erwartet hätte, wie verschiedene Medien berichteten.

Für Dogs in the City hat die sachverständige Tierschützerin und akademisch geprüfte Kynologin Denise Houszka sich der Herausforderung gestellt, der Live-Show des bekannten Show-Stars einen Besuch abzustatten und ihre Eindrücke ausführlich zu schildern. 

Die Masse durch einen gemeinsamen Feind vereinen?

Die Veranstaltung wird mit 16. Min. Verspätung vom Event-Manager Herrn Fechter eröffnet. Die Halle ist erstaunlich leer – 4.000 Leute waren es nie und nimmer. Ich hatte sogar den Eindruck, dass wesentlich mehr BesucherInnen damals bei Martin Rütter zu Gast waren.

Herr Fechter verliert keine Zeit und beginnt, ohne sich dem Auditorium vorzustellen, mit seiner Ansprache. Man merkt Verwirrung im Publikum – nicht jeder weiß, wer da nun gerade vorne steht – und was zum Teufel er da eigentlich macht. Er spricht über den großartigsten Hundetrainer der Welt (Cesar Millan, natürlich!) und der großen Ehre die Österreich, besonders aber Wien, zuteil wird, da Cesar „unsere“ Stadt als Beginn seiner großen Europatour auserkoren hat. Applaus brandet auf – laute „Cesar we love you“ Rufe von den oberen Rängen.

Die nächsten Passagen von Herrn Fechter möchte ich, an dieser Stelle, gerne wörtlich wieder geben: „Ich bin ja aus vollem Herzen dankbar, dass Sie hier her gekommen sind, als Zeichen dafür, dass man sich nicht von vertrottelten Zeitungsberichten abhalten lässt. Ich habe, meine sehr verehrten Damen und Herren, 45 Jahre Veranstaltungsleben hinter mir.“ Tosender Applaus unterbricht Herrn Fechter. „Und ich habe noch nie erlebt, dass so ein Hass und so eine negative Stimmung gegen einen Mann verbreitet wird, der den Tieren hilft (Beifallrufe aus dem Publikum) und das von Tierschützern, meine Damen und Herren! Von Tierschützern (!) die das Geld, das Sie Ihnen spenden, dafür verwendet haben, die Plakate von Cesar Millan zu überkleben mit einem Zettel „Abgesagt“.” (das Auditorium reagiert entsprechend mit Buhrufen). Herr Fechter weiter: „ Ich persönlich habe mich entschlossen: 4Pfoten und Tierschutzvereine, die gibt es für mich nicht!“. Das Publikum reagiert, trotz der Pauschalisierungskeule, leider wie erwartet: mit lautem Beifall, nickenden Köpfen und viel Zustimmung. Herr Fechter war aber noch nicht fertig: „Meine Damen und Herren, es gab aber auch so viele Behördenauflagen, von allen möglichen Ämtern, Magistraten, Veterinärpolizei etc. Wir haben alle bis ins letzte Detail erfüllt, weil Cesar Millan ist kein Tierquäler – er ist ein Tierretter!“ Nun hält das Auditorium nichts mehr – einige (aber wenige) Besucher feiern Herrn Fechter sogar mit „standing ovations“. Nun ehrt Herr Fechter noch Dog Coach Roman Schröck, dem es ja überhaupt erst zu verdanken ist, dass Cesar nach Europa (und natürlich nach Wien) gekommen ist und bittet selbigen auf die Bühne.

Es wird der, im Internet zuvor schon propagierte, Trailer von Hr. Schröck eingespielt. Das Publikum reagiert wieder mit vornehmer Zurückhaltung und Verwirrung…. Es scheinen nicht viele Besucher zu wissen, was dies nun soll.

Herr Schröck betritt die Bühne und beginnt seine Ansprache mit „Danke………….Ja“ und lächelt milde. Offensichtlich ist Rhetorik nicht seine Stärke. Dies wird auch im weiteren Verlauf seiner Rede recht schnell klar. Natürlich ist auch er über den Gegenwind, den er grundsätzlich schon erwartet hätte, tief betroffen. Vor allem wie „tief“ sich dieser gestaltet hätte. Er zeigt sich schockiert über die massiven und angeblich falschen Anschuldigungen.

Grundsätzlich hätte er gerne ein großes Hundefest (er spricht von 10.000enden Besuchern) gemeinsam mit Cesar Millan veranstaltet. Aufgrund der Anfeindungen aber, zu denen er ohnehin zumeist die „Klappe“ gehalten hätte, ist aus diesem Event nichts geworden. Aber er würde sich die Frage stellen ob wir (ich gehe davon aus, dass Österreich/Wien – oder ganz Europa? – gemeint war) mit Cesar Millan überfordert sind. Das Publikum schweigt. Schröck beantwortet sich die Frage aber gleich selbst „Ja, wir sind mit Cesar überfordert!“ und dann kommt endlich der erwartete Applaus. Es folgt noch ein kurzer Ausflug in Schröcks glorreiche Vergangenheit in Los Angeles und danach ist es schon Zeit für seine Buchwerbung. „Unser aller Held“, der Cesar Millan nach Österreich holte, kündigt den Meister nun auch endlich an.

Es folgt ein Trailer, in dem noch mal klar gemacht wird, dass Aufzeichnungen jeglicher Art verboten und Mobilfunkgeräte auszuschalten sind. Danach ein Cesar Millan Trailer. Danach, zum weiteren Anheizen der Massen, spricht der simultane Übersetzer, der wohl ein amerikanischer Nativespeaker zu sein schien, und kündigt den Hundeflüsterer erneut an.

Und dann endlich, endlich: Cesar Millan himself betritt die Bühne, im Schlepptau hat er die beiden Hunde „Junior“ und „Benson“. Die ganze Halle ehrt „the Leader of The pack“ mit „standing ovations“ und erneut werden „Cesar we love you“ Rufe laut. Cesar begrüßt die Menge mit „Hallo Wien!“

Leicht verdauliche Unterhaltung auf der Bühne

„Junior“ und „Benson“ werden mit normalen Klickhalsbändern und an der lockeren Leine einmal souverän über die Bühne geführt und anschließend bei einer bereits bereitstehenden Assistentin abgegeben. Beide Hunde scheinen ob des Publikums völlig unbeeindruckt. Medienprofis wie ihr Herrchen halt.

Cesar bedankt sich artig beim sich überschlagenden Publikum. Er ist gerührt, denn er hätte „standing ovations“ nicht gleich zu Beginn erwartet. Überhaupt findet er den „warm welcome“ überaus großartig. Es war sein größter Traum einmal nach Österreich, nach Wien, zu kommen und er ist sehr froh und dankbar, dass er diesen Traum heute erfüllen kann. Passend dazu zieht er sich die Jacke aus und präsentiert ein rotes Shirt, dessen Rücken die Lettern „Österreich, CESAR 1“ ziert. Patriotismus kommt in Österreich nicht halb so gut an, wie er es wohl gewohnt ist – Applaus ist eher verhalten. Das wir hier nicht in Amerika sind, merkt Cesar spätestens hier das erste Mal.

Es folgen flotte Späße und durchaus lustige Sprüche/Anekdoten über Hunde und Hundehalter an sich. Auch z.B. über die Exfrauen und deren „unkind behaviour“. Der simultane Übersetzer gibt sich Mühe, ist aber durchwegs, zumindest für mich, einfach nur nervig. Vor allem, wenn er versucht Dinge nicht nur ins Deutsche zu übersetzen, sondern auch den schwachen Versuch macht, „österreichisch“ zu dolmetschen. Zum Beispiel Passagen wie „es ist mir egal“ mit „es is mir WUARSCHT“ zu übersetzen, befinde ich als eher störend.

Cesar spricht über seine jungen Jahre in Mexiko, das natürliche Verhalten und dem untrüglichen Instinkt der Tiere, seinen Großvater der ihn alles gelehrt hat, was er heute weiß und seinem Wunsch der beste Hundetrainer der Welt zu werden. Außerdem wird der Aufbruch in die USA, die Überquerung der Grenze, das Schlafen unter der Brücke und die Karriere als Hot Dog Verkäufer ans Publikum gebracht. Im Hintergrund laufen immer wieder kleine Videos die Cesars Worte unterstreichen sollen. 
Lustige Anekdoten über die Unterschiede zwischen Mexiko und der USA werden vorgebracht. Dann eröffnet uns Cesar Phase 1 seines Erfolges: die 4 Welten der Menschen:

  1. Intellektuelle Welt: das sind alle, die hauptsächlich Wissenschaftlich oder sehr Kopflastig arbeiten: Wissenschaftler, Forscher, Lehrer,…
  2.  Spirituelle Welt: Priester, Hellseher,….
  3.  Gefühlswelt: Menschen die sich vorranging mit der emotionalen Seite beschäftigen
  4.  Instinktwelt: die nutzen hauptsächlich Hunde…

Nun folgt die „Lhasa Apso“ Story: Cesars erster „Auftrag“ als Hundeflüsterer bei einer Dame zu Hause. Er erzählt von dem Kleinhund, wie er sich bei Besuch verhalten hat (wild kläffend an der Tür), dass es zwei Personen gebraucht hat, um dem Tier überhaupt Herr zu werden und ihn in ein anderes Zimmer zu verfrachten, eine Person die dabei noch Anweisungen geben musste (sowohl an die Leute, die den Hund versuchten zu bändigen, als auch an Cesar vor der Haustür) und dass sich die Leute wohl nicht mal die Tür zu öffnen getraut haben, als der Hund längst im anderen Zimmer verwahrt war. Insgesamt stand Cesar 20 Min. vor der Haustür, bis er eingelassen wurde. Außerdem wurde Cesar die Anweisung gegeben, das Wort „Gassi“ nie zu verwenden und wenn er es schon unbedingt müsste, dann nur zu buchstabieren (G – A – S – S – I). Nachdem Cesar aber gerade erst über die amerikanische Grenze kam, wusste er gar nicht, wie man dies in Englisch buchstabiert. Als er den Hund dann auch noch an der Tür begrüßen wollte (dies wäre eine respektvolle Geste dem Hund gegenüber) und später feststellte, dass dem Hund das Sofa gehören würde und nur eine einzige Person auf der Kante des Sofas gestattet war , stand für Cesar fest: Der wahre Unterschied zwischen Mexiko und der USA bestand darin, dass die Hunde gelernt hatten ihre Menschen zu trainieren, statt umgekehrt.

Natürlich wurde diese Story äußerst unterhaltsam und witzig erzählt. Es erinnerte mich an eine Geschichte die ich auch schon von Martin Rütter, in ähnlicher Form, dargeboten bekommen hatte.

Anschließend werden die menschlichen Fehler im Umgang mit Hunden, auf genauso lustige Art, präsentiert:

  1. Der Mensch versucht es auf intellektuellem Weg: und redet den Hund quasi an die Wand: „Mami findet das nicht gut, was du da machst, weil Cesar hat im Fernsehen gesagt, dass du es so und so machen sollst….“
  2. Mensch versucht es über die Gefühlsebene: „Heute schaust du aber traurig aus, möchtest du vielleicht shoppen gehen, damit es dir besser geht?“
  3. Wenn alles nichts hilft, geht der Mensch zum Spirituellen Weg über: „Bitte lieber Gott, mach doch das der Hund….“
  4. Und dann rufen sie bei Cesar an und bitten um Hilfe… (dies ist auch der Grund warum er überhaupt eine TV Show hat)

Die Sache mit der Energie

Inzwischen sind wir bei Phase 2 angelangt: Das wichtigste überhaupt: die ENERGIE!

Absicht + Gefühl = Energie

Cesar will das gleich praktisch demonstrieren: laute Tanzmusik wird eingespielt und Cesar „twerkt“ (!). Leider alleine, denn das Publikum hat zum großen Teil keine Ahnung, was „Twerking“ eigentlich ist. Wieder wird der Unterschied zwischen amerikanischem und europäischem Publikum klar. Cesar bricht die Darbietung auch rasch wieder ab „okay, they don`t want to twerk, alright“.

Er lässt sich aber davon nicht aus der Ruhe bringen und erklärt, dass Musik immer Gefühle transportiert und Musik auch als „Trigger“ fungiert. Ein Video von zwei Bären wird eingespielt, die sich gerade in der Wolle haben. Verschiedene Musikrichtungen werden zu dem immer gleichen Bären Video abgespielt: dramatische Musik (wir sehen die Bären kämpfen), „liebevolle“ Musik (wir assoziieren, dass sich die Bären gerade im Paarungstanz befinden) und zum Schluss wird der Song von Pharrell Williams „Happy“ eingespielt und wir empfinden, dass die Bären fröhlich tanzen. Da klatscht die gesamte Halle nun auch endlich freudig mit.

Beim Thema „Happy“ bleiben wir auch gleich: Cesar möchte, dass wir mit unseren Hunden glücklich sind und dass unsere Hunde auch mit uns glücklich sind. Harmonie ist alles, was er den Leuten näher bringen möchte. Dazu gehört auch der tägliche Spaziergang mit unseren Hunden. 
Dies sollte immer eine „Happy Hour“ sein und damit meint er nicht ein paar günstige Biere in einer Bar  Und zum Gassi gehen gehört natürlich auch eine entsprechende Vorbereitung und er demonstriert uns nun, wie das in Amerika oft gemacht wird:

 

  1. Der Hundebesitzer pusht den Hund quasi auf 180: „Jaaaaa… magst du Gassi gehen? GASSI gehen??? Jaaaa?“
  2. Dann versucht er den Hund wieder zur Ruhe zu bringen, damit er ihm das Halsband anlegen kann: „Siiiiitz, Siiiiitz, wirst du wohl…. Siiiiiiitz!!!“ und anschließend „Bleiiiiiiib, bleiiiiiib, bleiiiiiiiiiib!!“ – Cesar gibt die Kommandos im Übrigen auf Deutsch.
  3.  Dann folgt die Ausrüstung des Hundebesitzers: eine „Gassi-Geh-Jacke“, die Cesar von einer Assistentin gereicht wird: ein Gilet, an welchem unzählige Spielzeuge, Leckerlis etc. baumeln um auch alles mitzuhaben, was man auf einem Spaziergang so braucht. Natürlich werden die Spielzeuge dem Hund vorgeführt, er soll sich ja sein Lieblingsspielzeug aussuchen dürfen.

Cesar betont, dass es wichtig ist, dem Hund RUHIGE und ENTSCHLOSSENE Energie zu vermitteln. Er sagt, dass er hierbei leider sehr oft falsch verstanden wird und wiederholt noch mal extra: RUHIG und ENTSCHLOSSEN und damit meint er NICHT aggressiv! Das sowohl in Englisch als auch in Deutsch! Und auch der Dolmetscher betont dann erneut, dass mit RUHIG und ENTSCHLOSSEN nicht (!) aggressiv gemeint ist. Diese Passage war Cesar offensichtlich sehr wichtig.

Hausverstand: Darf’s ein bisserl mehr sein?

Anschließend folgt ein erheiternder Exkurs in die Spezies der „Hundegassigeher“ – Millan präsentiert hier einige – uns allseits bekannte – Exemplare wie z.B. Hundebesitzer, die von ihren Hunden in einem Wahnsinnstempo über die Gehsteige dieser Welt gezogen werden oder sich die Leine 100 mal ums Handgelenk schnüren um sich mit der anderen Hand an einem Baum festzuhalten, damit ein entgegenkommender Passant ihren Weg überhaupt passieren kann.

Millan möchte uns seine RUHIGE und ENTSCHLOSSENE Energie nun auch praktisch demonstrieren. Dazu kommt endlich der erste Hund auf die Bühne: ein blauer Franzöischer Bulldoggen Welpe. „Loui“, so der Name des Hundes, war ob des Rummels um ihn, recht entspannt und zeigte sich neugierig und interessiert. Er trägt er ein normales Klickhalsband. Einzig der tosende Applaus ließ ihn dann doch kurz unsicher werden. Die Hundebesitzerin zeigt anhand einer Futterschüssel vor, wie sie ihren Hund normalerweise füttert und natürlich hüpft der Welpe auf und ab und beeilt sich, ungestüm der Schüssel zu folgen. Millan demonstriert seine RUHIGE und ENTSCHLOSSENE Energie, in dem er sich vor den Welpen kniet, sich dabei aber nicht über ihn beugt und ihn ruhig aus der Hand füttert ohne hibbeliges Herumgehüpfe zu belohnen. Wir sind begeistert und „Loui“ ist auch schon wieder entlassen.

Cesar erklärt, wie wichtig Sozialisierung ist und dass in den ersten 2-4 Monaten besonderes Augenmerk darauf gelegt werden sollte. Es gibt drei Eckpfeiler in der Entwicklung des Hundes:

  1. Folgen: Ein Welpe wird immer seinem Instinkt folgen, weil Welpen nun mal noch sehr ursprünglich sind. Folgen kann ein Hund aber nur, wenn man ihn auch lässt und ihn nicht in einer Louis Vuitton Tasche herumträgt oder ihn in einem Buggy spazieren führt.
  2. Spielen: Dies ist besonders wichtig für Hunde, weil sie dabei ihre Fähigkeiten weiterentwickeln bzw. erlernen und es werden die ersten Regeln und Grenzen im Spiel gezogen.
  3. Erkunden: das ist die schwierigste Phase (ca. 8-9 Monate), hier testen die Junghunde auch gerne ihre Grenzen aus und viele Hunde kommen in diesem Alter ins Tierheim, weil ihre Besitzer überfordert sind. Solche Junghunde muss man als pickelige Teenager sehen – und seinen Teenager zu Hause gibt man ja in dieser Phase auch nicht ins Tierheim

Wieder kommt ein Hund auf die Bühne – ein erkundungsfreudiger Teenager. Diesmal eine blaue, ca. 1-jährige Dogge, auch diese wird mit einem normalen Lederhalsband präsentiert. Die Dogge fühlt sich nicht ganz so wohl auf der Bühne wie zuvor der Frenchie, sie zeigt sich etwas aufgeregt und auch die ein oder andere Übersprungshandlung ist zu beobachten. Cesar stellt drei Futterschüsseln auf die Bühne und die Besitzerin soll die Dogge nun ruhig und entschlossen an selbigen vorbei führen. Wie zu erwarten, zerrt der Hund zu den Schüsseln und die Besitzerin hat sichtlich Mühe, den Weg über die Bühne zu bewältigen. Anschließend nimmt Millan die Leine des Hundes in die Hand und „Tsschht“ die Dogge ohne sie jedoch zu berühren. Wie zu erwarten ist diese natürlich irritiert ob des „Führerwechsels“ und der Maßregelung und entscheidet sich, eine abwartende Haltung einzunehmen. Nun führt Cesar den Hund zu der ersten Schüssel und „Tssschht“ ihre Versuche zum Futter zu gelangen (erneut ohne Berührung), dabei baut er jedenfalls auch Druck auf (Körpersprache, Körperhaltung). Unser erkundungsfreudiger Teenager gähnt und gibt seine Versuche erst mal auf. Diese Vorgehensweise wiederholt Millan nun bei jeder Schüssel und natürlich ist es ihm möglich, den Hund dabei wesentlich ruhiger und „kontrollierter“ zu führen, als zuvor seine Besitzerin. Applaus ist die Belohnung für diese Darstellung und damit ist unsere Dogge auch wieder entlassen.

Nun kommen wir zum „Rudelführer-Prinzip“: Wichtig auch hierbei ist, dass die Energie stimmen muss, damit ein Hund folgt. Einem instabilen Rudelführer wird ein Hund nicht folgen. Hier bringt Millan das Beispiel von Jogie Löw und seiner Mannschaft – ohne ihn als „Packleader“ wäre die Mannschaft alleine auch nicht zum WM Titel gelangt. Auch hier sind die Reaktionen des Publikums eher verhalten – wir wissen, die Deutschen als positives Beispiel ins Feld zu führen, ist in Österreich nicht unbedingt von Erfolg gekrönt.

Anschließend erklärt uns Millan, dass Katzenhalter „anders“ sind. Und präsentiert auf sehr amüsante Art die Geschichte eines Rottweilers, der von einer Katzenhalterin aus dem Tierheim adoptiert wurde. Die Dame hatte keinerlei Hundeerfahrung und zuvor nur Katzen gehalten. Jedenfalls brachte sie den Rottweiler nach Hause und die Katze hat entsprechend reagiert und dem Rottweiler ohne Vorwarnung gleich bei der Eingangstüre eine gescheuert. Der Hund war von der überaus selbstsicheren und coolen Katze schwer beeindruckt und hatte sie als „Packleader“ in Sekunden akzeptiert. Cesar wurde nun – wider erwarten – nicht zur Hilfe gerufen, weil der Rottweiler die Katze fressen wollte, sondern weil der Hund ausschließlich der Katze folgte, aber nicht der Besitzerin.

Mit dieser amüsanten Anekdote wurden wir nun in die Pause geschickt.

Nur verbale Korrekturen auf der Bühne

Nach der Pause begrüßt uns Cesar als „Packleader“ und führt drei Hunde mit sich auf die Bühne. Wie in dem bekannten Vorspann seiner TV Sendung, folgen die Hunde natürlich artig hinter ihm. Es handelt sich hierbei um zwei Golden Retriever und einen kleineren, semmelfarbigen Terriermischling. Auch diese Hunde werden mit normalen Klickhalsbändern geführt. Es ist eine kurze Darbietung seines Könnens, denn die Hunde werden gleich wieder bei seiner Assistentin abgegeben.

Der Hundeflüsterer lässt sich von der Menge feiern und beginnt den zweiten Teil seiner Show erneut damit, sich bei allen Besuchern zu bedanken und betont nochmals, dass er sich unglaublich freut, hier bei uns auftreten zu können. 
Es folgen seine Grundelemente eines glücklichen Hundes:

  1. Sport: für den Körper
  2. Disziplin: für den Geist/Kopf
  3. Liebe: fürs Herz

Wenn auch nur eines dieser Elemente fehlt, ist ein Hund nicht ausgeglichen und es kann zu Chaos im gemeinsamen zu Hause führen. 
Auch die „typischen“ Probleme aus dem Hundealltag: Trennungsangst und Langeweile resultieren zumeist auch aus den fehlenden Grundelementen.

Cesar zeigt ein Video als schlechtes Beispiel, um Hunden die Trennungsangst zu nehmen: er lässt sich von „Junior“ dabei auf Schritt und Tritt überall hin verfolgen z.B. macht er Frühstück während „Junior“ jede seiner Tätigkeiten verfolgt usw. Zu guter Letzt verabschiedet sich Cesar von „Junior“ direkt vor der Haustür und erklärt ihm, dass er ja bald wieder kommt und er sich in der Zwischenzeit ein paar Cesar Videos im TV anschauen kann. Natürlich „sudert“ der Hund, als Millan die Tür von außen schließt. 

Millan erklärt, dass wir uns nicht von den Hunden verabschieden, also eigentlich kein großes „Tam Tam“ um das Weggehen, machen sollen. Außerdem muss die richtige Energie ausgestrahlt werden, damit der Hund versteht, dass Herrchen nun bald weggeht und sich auch darauf vorbereiten kann. Im nächsten Video wird gezeigt wie es richtig geht: 
„Junior“ wird auf seinen Platz geschickt auf dem er entspannt und relaxed liegen bleiben soll, während sich Cesar Frühstück macht etc. Dann verlässt er ruhig das Haus ohne sich von „Junior“, der immer noch auf seinem Platz liegt, zu verabschieden. So wartet „Junior“ also ruhig zu Hause ohne seinem Rudelführer nachzuweinen.

In beiden Videos ist „Junior“ im Übrigen „nackig“ – trägt also kein Halsband.

Nun widmen wir uns der Langeweile: wenn Hunden langweilig ist, dann werden sie depressiv. Jeder Hund brauche eine Aufgabe, die ihn fordert – einen Job. Ein Job kann alles sein, auch wenn er zu Hause nur kleinere Dinge erledigen soll (kleine Tricks, etc.) ist es eine Aufgabe/ein Job.

Ein weiterer Hund wird auf die Bühne gebeten: wieder eine Französische Bulldogge, diesmal allerdings in „fawn“. Die Besitzerin erklärt, dass es sich um einen Balljunkie handelt. Cesar will mit seiner ruhigen und entschlossenen Energie demonstrieren, wie man einen solchen „Junkie“ zur Ruhe bringt. Leider ist der Bullie sehr nervös und unsicher. Er hechelt, kratzt sich permanent und reagiert auch nicht auf den mitgebrachten Ball der Besitzerin. Diese entschuldigt sich und meint, es wäre nicht der richtige Ball…. Millan lässt nicht aus der Ruhe bringen und auch wenn er dem Publikum nun nichts zeigen/präsentieren kann, bittet er die Hundebesitzerin wieder zu gehen. Der Hund sei viel zu nervös und unsicher, außerdem zeige er das Problemverhalten nicht, da könne er, Cesar, auch nicht helfend eingreifen. Cesar erklärt uns grinsend, dass es manchmal auch schon hilft, wenn man die Umgebung des Hundes verändert und schon wäre das Problem erledigt.

Dies sei auch der Grund, warum er manchmal Hunde aus ihren gewohnten Umgebungen nimmt und zu sich auf die „Ranch“ bringt. Da wäre alles neu und der Hund müsse neue Verhaltensweisen/Verhaltensmuster an den Tag legen, an Stelle der Alten, die er bisher zu Hause immer gezeigt hatte.

Nun wird die nächste Hundebesitzerin auf die Bühne gebeten, eine Dame mit zwei Chihuahuas. Es ist ein bisschen schwierig, sich zu verständigen – die Dame kann kein Englisch und durch ihre offenkundige Nervosität versteht sie auch den Dolmetscher kaum. Nach einigen Fehlversuchen ist es aber geschafft, wir wissen nun, wo das Problem liegt: die beiden Chis kläffen alles an, was sich ihnen auf einem Spaziergang nähert. Cesar möchte das gerne live sehen und bittet seine Assistentin „Junior“ zu bringen. Dieser wird – wieder mit normalem Halsband – auf die Bühne geführt und wir sehen sofort, was die Dame meint: beide Chihuahuas stürzen aufgeregt bellend auf „Junior“ zu, der die beiden nur stoisch und leicht wedelnd zur Kenntnis nimmt. Die Besitzerin ruckt an den Leinen der beiden Hunde und versucht, sie hinter sich zu ziehen.

Cesar hat genug gesehen und nimmt die Leinen der beiden Hunde und „tsscht“ sie erst mal um sie wieder zur Ruhe zu bringen. Er muss dabei öfter „tsschen“ (ist das die Mehrzahl von „tssscht“?), denn die Kleinhunde geben richtig Gas. Nach einigen Versuchen ist es geschafft, die beiden bleiben ruhig neben Millan stehen. Auch hierbei gab es keine Berührungen, nur Körpersprache/Körperhaltung und die verbale Zurechtweisung. Cesar erklärt der Besitzerin, dass die beiden nur neugierig sind und sich dabei sehr aufregen. Es wäre besser, sie ruhig und entschlossen zu führen, statt sie jedes Mal hektisch nach hinten ziehen zu wollen. Um das zu demonstrieren, drückt er der Besitzerin die Leine von „Junior“ in die Hand und möchte, dass sie mit ihm gemeinsam über die Bühne geht, während er seinerseits die beiden Kleinhunde führt. Es wird noch ein oder zweimal „getsscht“, aber insgesamt verläuft das gemeinsame „Gassi“ Gehen nun sehr friedlich – „Junior“ küsst die beiden Chis sogar und wird dann sogar zurück geküsst. Ich gestehe, ich musste lachen…

Was dabei auffällt: „Junior“ will nicht wirklich an der Leine gehen und muss von der Dame sogar (aber sehr zaghaft) gezogen werden. Cesar ermutigt „Junior“ zwar immer wieder, sich zu bewegen, aber der zeigt seinen Unwillen doch sehr deutlich. Später erklärt uns Millan, dass „Junior“ es nicht gewohnt ist, an der Leine zu gehen, da er sonst immer ohne laufen darf. Scheinbar gab es hier in Wien aber Auflagen, die ihm untersagt haben „Junior“ frei laufen zu lassen (auch auf der Bühne). Dies ist aber nur eine Vermutung meinerseits und kann nicht mit Sicherheit bestätigt werden.

Cesar erklärt uns anhand des Chi Beispiels, dass Spannung immer Spannung erzeugt und eine aufrechte, ruhige und entschlossene Herangehensweise immer die bessere ist. Außerdem bricht er eine Lanze für die Pitbulls – wie man anhand von „Junior“ sieht, sind Pitbulls sehr freundliche und ganz tolle Hunde, die ihren schlechten Ruf keinesfalls verdient haben. Natürlich erntet er dafür großen Applaus.

Nachdem sich die Besitzerin der beiden Chihuahuas verabschiedet hat und auch „Junior“ wieder bei der Assistentin abgegeben wurde, sind wir am Ende der Veranstaltung angelangt. Cesar wünscht uns alles, alles Gute, hofft bald wieder nach Wien zurück kommen zu können und erinnert uns daran, dass er Hunde rehabilitiert und Menschen erzieht. Und…. das wichtigste: dass wir mit unseren Hunden glücklich sein sollen, so wie sie sind.

Aufs Stichwort Happy wird erneut der Song von „Happy“ von Pharrell Williams eingespielt und damit werden wir entlassen. Viele BesucherInnen stürzen nach vorne, um sich ein Autogramm zu sichern oder werfen Plüschtiere und Blumen auf die Bühne. Es erinnert ein bisschen an die „Boy-Band“ Zeit der 90er. Mehr Groupie Verhalten habe ich dann allerdings nicht mehr beobachtet, sondern habe stattdessen lieber den Weg nach Hause angetreten.

Fazit: Zahmes und professionelles Entertainment

Cesar Millan ist durchaus ein guter Entertainer mit einer starken Bühnenpräsenz. Die Show ist im Unterhaltungsgenre einzuordnen und hat mit seiner Fernsehshow nichts gemein. Wer sich also einen Abklatsch seiner TV-Serie erwartet hat, wurde vermutlich schwer enttäuscht. Gut, dass im Vorfeld der Veranstaltung einige Kritik laut wurde und man ihm dadurch besonders genau auf die Finger geschaut hat. So war am gesamten Abend nichts tierschutzrelevantes zu erkennen, im Gegenteil, Millan präsentierte sich überraschend “zahm”. Er sorgte für einige gute Lacher und bediente sich dabei durchaus der gängigen Klischees, die ich persönlich nicht als störend empfand. Seinen Status als Hundeguru rechtfertigte bei dieser Veranstaltung jedenfalls mehr die Verpackung als der Inhalt. Selbst der durchschnittlich interessierte Hundebesitzer dürfte keine kynologischen News mit nach Hause genommen haben. Es hat anscheinend also doch ein Mascherl ob längst bekannte Aussagen von einem TV-Star oder vom Hundetrainer ums Eck kommen. Einen negativen Eindruck hinterließen hingegen die Organisatoren der Veranstaltung – hier wurde leider die Pauschalisierungskeule geschwungen und negative Stimmung gegen Tierschutzvereine verbreitet. Schade, aber es sind augenscheinlich nun mal zwei Paar Schuhe, den Auftritt eines professionellen Entertainers zu organisieren und dessen Professionalität auch selbst an den Tag zu legen.

 

DeniseDenise Houszka ist Absolventin Europas erster universitärer Ausbildung in Hundewissenschaften, dem Lehrgang für Angewandte Kynologie an der VetMed Wien. Zudem ist sie seit Jahren im Tierschutz aktiv. Dogs in the City bedankt sich ganz herzlich für die ehrliche Schilderung ihrer Eindrücke von den Stadthallen-Veranstaltungen und stellt diesen gerne eine Plattform zur Verfügung. Das entzückende Foto von Denise hat die überaus talentierte Fotografin Katharina Kovacs vor der Stadthalle geschossen. 

 

 

Das Prinzip modernen Hundetrainings ist, erwünschtes Verhalten durch positives Hervorheben ebendessen zu bestätigen. Ich finde es toll, dass unser amerikanischer Besucher sich so brav an das gängige Tierschutzgesetz gehalten hat und im Rahmen der Stadthallen-Shows (im Gegensatz zu manchen TV-Episoden) keine Hunde leiden mussten. Vielleicht kann er aus seinem Wien-Besuch ja folgendes mitnehmen: Es gibt auch genug Applaus, wenn man Hunde nicht an dünnen Würgeschlaufen führt. 

Hier gibt es übrigens noch einen Erfahrungbericht nachzulesen: Klick.  

Nachtrag, 26. Sept. 2014:

Auf eine E-Mail an die Vier Pfoten mit der Frage, ob sie schon mehrere Anfragen bzgl. Herrn Fechters Anschuldigungen wegen überklebter Plakate erhalten und mit dem angeblichen Vandalismus etwas zu tun hätten, wurde so geantwortet: “Von VIER PFOTEN wurde lediglich eine Pressemeldung zum Thema Cesar Millan herausgegeben. Ansonsten waren wir an keinerlei Aktionen beteiligt. Es gab schon einige Anfragen dazu.”